Morgendämmerung der Worte

Rezension der neuen Anthologie "Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti" in der Anderen Bibliothek

Zuerst: Staunen. Eine solche Vielfalt von Autoren und Gedichten in diesem Band der „Anderen Bibliothek“ ist eine Überraschung. Fast scheint es, als habe sich erst seit knapp einhundert Jahren eine eigenständige Roma-Lyrik entwickelt. Natürlich gab es Gedichte und Lieder schon lange zuvor, der vorliegende Band versammelt aber ausschließlich von den Autoren selbst verschriftlichte, also vorwiegend zeitgenössische Texte. 

Wichtige Themen sind für die Autoren Verfolgung, Ausgrenzung und Diskriminierung und damit die Frage nach der Identität als Sinti oder Roma, was es bedeutet, als Sinto oder Rom geboren worden zu sein. Auschwitz ist ein zentraler Begriff, der diesen Band genauso prägt wie die Erfahrungen von Deportation oder von Emigration.  Auch die Gedichte über Musik oder das Schreiben, oder die wenigen Liebesgedichte durchzieht ein Ton von Trauer und Verlust.

Gerade weil es Gedichte aus 21 Ländern und noch ein paar Sprachen mehr sind, hätte man gerne die Originaltexte in den jeweiligen Sprachen gelesen, um ihre ursprüngliche Melodie zu hören. Die Gedichte sind zum Teil in Romanes, der Sprache der Roma und Sinti, entstanden, oft aber auch in der Sprache ihrer jeweiligen Heimatländer – und damit auch als originärer Beitrag zur Kultur in diesen Ländern. Es hätten dann zwei Bände in der „Anderen Bibliothek“ werden müssen.

Umso irritierender dann aber Wilfried Ihrig, einer der beiden Herausgeber, wenn er ausführt, dass viele Dichter deshalb in den Sprachen ihrer Heimatländer schreiben, weil „in vielen Ländern die Roma immer noch Analphabeten sind“ und das bedeute, so Ihrig, „die Roma-Dichter können gar nicht für ihr eigenes Volk schreiben, sondern schreiben für das Volk, in dem sie leben.“[1] Gerade in Zeiten eines zunehmenden Nationalismus macht doch gerade dieser Band mit Gedichten von Roma deutlich, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen ethnischer Identität und nationalstaatlicher Zugehörigkeit. Ein Gedicht ist zuerst ein Gedicht, und es wird nicht geschrieben für ein Volk, sondern es richtet sich an alle Menschen – das macht seine Qualität aus. Gerade dieser Band zeigt in seiner Vielfalt die Individualität der Autoren, es sind nicht Gedichte „der“ Sinti und Roma, sondern es sind zuerst Gedichte von Autorinnen und Autoren, die außerdem auch noch Roma oder Sinti sind. 

Das ist der wichtige Beitrag, den dieser Band leistet. Er zeigt eine weithin unbekannte Literatur, die sich seit einigen Jahrzehnten auch vor dem Hintergrund zunehmender politischer Artikulation der Minderheit entfaltet. Diese über 250 Gedichte von über 100 Autoren überwinden die altbekannten stereotypen Bilder, indem sie die Vielfalt der Sinti und Roma in Europa in ihrer Individualität zeigen. Einer der ersten Texte, die in Deutschland auf Romanes veröffentlicht wurden und der den Band eröffnet, ist das Lied von Hänsche Weiss, „Laß uns unser Recht fordern“, „Lass Maro Tschatschepen“.

Herbert Heuß

[1] www.deutschlandfunkkultur.de/gedichtband-die-morgendaemmerung-der-worte-poetischer-atlas.