Zentralrat Deutscher Sinti und Roma trauert um den Holocaust-Überlebenden und Bürgerrechtsaktivisten Raymond Gurême

Der französische Holocaust Überlebende Raymond Gurême verstarb am Sonntag, 24. Mai 2020, im Alter von 94 Jahren. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma trauert um diese herausragende Persönlichkeit der Sinti und Roma Bürgerrechtsbewegung in Europa.

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, würdigte Raymond Gurême mit sehr persönlichen Worten: „Raymond Gurême schloss sich damals dem französischen Widerstand gegen das NS-Terrorregime an. Bis zuletzt kämpfte er für die Anerkennung des Holocaust an Sinti und Roma, wie auch für die Würde und gleichen Rechte für Sinti und Roma in Europa. Mit seinem Engagement gegen Antiziganismus und Rassismus insbesondere für und mit jungen Menschen erwarb er sich bei allen, die ihm begegnen durften, großen Respekt und Anerkennung. Sinti und Roma in ganz Europa haben durch den Tod von Raymond Gurême eine ganz besondere Persönlichkeit verloren.“ 

Raymond Gurême begleitete mehrfach junge Sinti und Roma im Rahmen der Jugendinitiative „Dikh he na Bister“, die vom Jugendnetzwerk ternYpe und dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma organisiert wird, zum Europäischen Holocaust Gedenktag für Sinti und Roma nach Krakau und Auschwitz. In seiner Rede auf der Gedenkveranstaltung am 2. August 2016 in Auschwitz-Birkenau rief er wie so oft besonders junge Menschen zum Engagement gegen Antiziganismus und Rassismus auf:

Ihr [die Jungen] müsst kämpfen. Kämpfen gegen die Diskriminierung, gegen den Rassismus, gegen die Gewalt, der Roma und Sinti in ganz Europa zum Opfer fallen.

Wir, die Alten, haben das Feuer entfacht. Nun ist es die Aufgabe der jungen Leute, es am Brennen zu halten und die Flammen weiter in die Höhe zu treiben, so dass wir immer stärker werden.  Erhebt Euch, Ihr Jungen! Und bleibt stehen, lässt Euch niemals in die Knie zwingen!

Raymond Gurême wurde 1925 in eine französischen Manouches-Familie geboren. Seit seinem zweiten Lebensjahr trat Raymond im familieneigenen Wanderzirkus als Akrobat oder Clown auf. Im Oktober 1940 wurde die gesamte Familie von französischen Gendarmen verhaftet, da die deutschen Besatzer eine Zwangsansiedlung sämtlicher Manouches verordnet hatten und einen Monat später wurden die Gurêmes in das Internierungslager Linas-Montlhéry eingewiesen. Es gelang Raymond zwar im Sommer 1941 zu fliehen, aber der Rest seiner Familie wurde nach Muslane und Montreuil-Bellay, eines der größten Konzentrationslager für sogenannte Nichtsesshafte in Frankreich, deportiert. Er arbeitete auf Bauernhöfen und kehrte immer wieder nach Linas und später nach Montreuil-Bellay zurück, um Lebensmittel in die Lager zu schmuggeln. Im August 1943 wurde er wieder verhaftet und in ein Arbeitslager ins hessische Heddernheim deportiert, wo er nach Bombenangriffen Leichen bergen musste. Einmal wurde er brutal von einem Nazi zusammengeschlagen und verlor hierbei auf einem Auge das Augenlicht. Letztendlich flüchtete Raymond durch die Hilfe eines französischen Bahnarbeiters erneut, welcher ihn in einem Zug versteckte und dieser ihn zurück nach Frankreich fuhr. Erst 1950 gelang es ihm seine Familie wieder zu vereinen. Nach dem Krieg erhielten sie weder Entschädigungen finanzieller Art, noch moralischen Beistand. Angesichts von zunehmendem Antiziganismus und Rassismus in Frankreich und in ganz Europa engagierte sich Raymond Gurême insbesondere in den letzten zehn Jahren in der Holocaust Erinnerungsarbeit mit jungen Menschen und in der Bürgerrechtsarbeit. Seine Geschichte wurde in dem Werk “Interdit aux nomades” (Nomaden verboten) von Isabelle Ligner veröffentlicht.


Die Ansprache von Raymond Gureme und seiner Enkelin Marine Hageman zum Europäischen Holocaust Gedenktag am 2. August 2016

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