Musterung bei der Bundeswehr

Liebe Sinti und Roma,

in letzter Zeit rufen wieder verstärkt Leute beim Zentralrat an, weil sie sich über eine Musterung und eventuelle Einberufung in die Bundeswehr Sorgen machen.

Ich kann diese Ängste sehr gut verstehen, vor dem Hintergrund unserer Geschichte im Holo­caust. Denn alle unsere Familien haben Angehörige durch die Verbrechen der Nazis verloren.

Die Bundesregierung hat die leidvolle Geschichte von Sinti und Roma und Juden, als Überle­bende des Völkermords des NS-Regimes, anerkannt und berücksichtigt und hat deshalb deren Kindern und Enkelkindern ermöglicht, vom Wehrdienst befreit zu werden.

Diese Befreiung galt bis zu den Urenkeln der Überlebenden des Holocaust.

Die deutschen Sinti und Roma sind Staatsbürger dieses Landes. Wir nehmen unsere Rechte wahr und ebenso unsere Pflichten. Dazu gehört auch, dass wir un­seren Beitrag für unser Land leisten.

Das Grundgesetz ermöglicht auch den Angehörigen unserer Minderheit in Artikel 4 aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe zu verweigern. Das muss ausführlich und nachvollziehbar gegenüber der Bundeswehr dargelegt und begründet werden. So können Menschen mit Behin­derung oder schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigung ebenfalls vom Wehrdienst freigestellt werden.

Wer aus Gewissensgründen verweigert, sollte aber zum Ausdruck bringen, dass man bereit ist, anstelle des Wehrdiensts einen Ersatzdienst im Bereich der gemeinnützigen Arbeit für die Ge­sellschaft zu leisten.

Beispiele dafür sind Arbeiten im Kindergarten, in Jugendzentren, Heimen oder im Natur- und Umweltschutz, z. B. Aufräumarbeiten in Parks oder im Wald.

Ich rate denjenigen, die aus Gewissensgründen nicht zur Bundeswehr wollen, ihre Bereitschaft zum zivilen Ersatzdienst anzubieten.

Wir verspüren in unserem Land einen neuen Antiziganismus, Antisemitismus und allgemeinen Rassismus, die sich wieder gegen Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe richten und die unsere Gesellschaft spalten.

Wir sind seit Jahrhunderten selbstverständlicher Teil dieses Landes, das auch unsere Heimat ist. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns für die Demokratie und für den Rechtstaat engagieren und deutlich machen, dass wir Teil dieses Landes und seiner Gesellschaft sind.

Viele Grüße

 

Romani Rose