Zum 100. Geburtstag von Philomena Franz

„Heute, wenn ich Euch im Alter von 100 Jahren hier vor mir sehe, freut es mich, dass Euch durch Eure unermüdliche Arbeit für Versöhnung wieder Flügel gewachsen sind und Ihr weiterhin Eure Stimme erhebt für ein friedliches, gemeinsames Zusammenleben“, wandte sich Romani Rose in seinem Vortrag mit dem Verweis auf ihr Zitat „Ich bin ein Vogel, kann nicht fliegen. Man hat mir die Flügel gestutzt“ direkt an die bei der Tagung im Schloss Eulenbroich in Rösrath anwesende Philomena Franz.

Er betonte in seiner Ansprache, wie wichtig ihre Jahrzehnte lange Arbeit als Zeitzeugin des nationalsozialistischen Holocaust an den Sinti und Roma für die Bürgerrechtsarbeit gewesen ist und sagte: „Durch Euer unermüdliches Wirken als Zeitzeugin und Bürgerrechtlerin habt Ihr die positiven Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte mit beeinflusst. Ihr wart eine der ersten, die ihre Erlebnisse aufgeschrieben habt. Und obwohl – oder vielleicht auch gerade, weil – Ihr körperlich und seelisch gezeichnet wart, habt Ihr Euch nie mit der fehlenden Anerkennung des Unrechts des Völkermords an den Sinti und Roma abgefunden und Euch immer für eine gleichberechtigte Teilhabe unserer Menschen in unserem Land stark gemacht.“

Gerade mit Blick auf die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine und angesichts der drängenden Probleme, vor denen die kommenden Genrationen stehen, wie Hunger in der Welt, Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken oder der menschgemachten Klimakatastrophe, sei er sich allerdings unsicher, ob die Menschen dem Vermächtnis gerecht geworden seien, das die Überlebenden des Holocaust, wie Philomena Franz, ihnen hinterlassen haben, so Rose weiter. Er habe dabei aber nicht nur die angespannte geopolitische Lage, sondern auch immer die Lebensumstände der schätzungsweise 400 000 ukrainischen Roma vor Augen: „Auch ihre Männer verteidigen ihr Land, die Ukraine, vor der russischen Aggression an der Front und auch ihre Frauen, Kinder und Alten fliehen vor dem Krieg, genauso, wie alle Ukrainerinnen und Ukrainer. Dennoch werden Roma in der Ukraine weiterhin schikaniert und diskriminiert. So gab es jüngst Vorfälle, bei denen Roma beschuldigt wurden, sich widerrechtlich Lebensmittel angeeignet zu haben, und die dann mit dieser Begründung an den Pranger gestellt wurden, mit dem Hinweis auf ihre Abstammung als Angehörige der Minderheit. Doch diese Menschen sind Staatsbürger der Ukraine.“

An Philomena Franz gewandt, betonte Rose noch einmal, wie wichtig die Lebensgeschichten der Überlebenden in diesem Zusammenhang sind: „Diese Ungerechtigkeit in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken und von Politik und Gesellschaft zu fordern, diesen untragbaren Zuständen endlich gemeinsam entgegenzutreten, ist das, was auch Euch, liebe Bibi, zeitlebens bewegt hat.“

Zum 2. August 2021, dem Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma hat Philomena Franz eine Videobotschaft aufgenommen, die hier aufgerufen werden kann.