Themenseite: Solidarität und Hilfe für die Ukraine

Roma und der Krieg gegen die Ukraine

Stand: 25. März 2022

Da uns viele Fragen zur Lage der Roma in der Ukraine erreichen, haben wir hier einige Informationen zusammengefasst. Finden Sie im Folgenden Informationen zu (i) Unterstützung und Spendenmöglichkeiten, (ii) Situation in der Ukraine. (iii) Situation der Flüchtlinge in Deutschland und in den Nachbarländern der Ukraine und den Aktivitäten der Zivilgesellschaft in den Nachbarländern, (iv) Forderungen des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma wie (v) Hintergrundinformationen zu Roma in der Ukraine.

 

Unterstützung und Spendenmöglichkeiten

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma unterstützt Roma in und aus der Ukraine in vielfältiger Weise. In Zusammenarbeit mit Organisationen der Roma aus der Ukraine und aus anderen europäischen Staaten haben wir einen Aufruf und Spendenaktionen mitinitiiert bzw. unterstützen diese:

https://chuffed.org/project/support-roma-children-and-youth-in-ukraine

https://chuffed.org/project/ukraine-help-roma-access-humanitarian-aid

Hier kann für eine tägliche, warme Mahlzeit gespendet werden:

https://ergonetwork.org/buy-a-hot-lunch-for-ukraine/

Es gibt auch einen Spendenaufruf für alle Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine:

https://hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de 

Wir haben uns an die Deutsche Bundesregierung – Außenministerium, Innenministerium, Staatsministerin beim Bundeskanzler und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration – sowie mit unseren Partnern an europäische Institutionen und internationale Organisationen gewandt, um sie auf die besondere Notlage der Roma in und aus der Ukraine aufmerksam zu machen; wie wir allgemein versuchen die deutsche und internationale Öffentlichkeit zu informieren. Zudem vermitteln wir Unterstützung deutscher Organisationen an zivilgesellschaftliche Organisationen der Roma in der Ukraine und in den Nachbarstaaten.

Wir versuchen zudem mehr Informationen zur Situation der Überlebenden des Holocaust zu bekommen und wie sie unterstützt werden können.

Derzeitige Situation in der Ukraine

Vom russischen, völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine sind die Roma in der Ukraine ebenso betroffen wie alle anderen Menschen. Ihre Vulnerabilität kann aber dazu führen, dass sie wie andere vulnerable Gruppen noch stärker als andere Menschen von den Auswirkungen des Krieges betroffen werden.

Viele Roma mussten bereits ihre Häuser verlassen und haben Zuflucht in einem anderen Teil der Ukraine oder in einem der Nachbarländer gesucht. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen im Allgemeinen die Ukraine nicht mehr verlassen. So wurden viele Familien getrennt und es sind vor allem Frauen und Kinder auf der Flucht. Viele Roma mussten zwar aufgrund der Kämpfe vor allem im Osten der Ukraine ihre Häuser verlassen, leben aber weiterhin als Intern Vertriebene an anderen Orten in der Ukraine.

Viele andere Roma fühlen sich verpflichtet für ihr Heimatland Ukraine zu kämpfen. Nach Angaben von Roma Organisationen haben sich einige hundert Roma freiwillig gemeldet und kämpfen gegen die russischen Aggressoren. Dies zeigte sich u.a. als Roma im Bezirk Kherson einen Panzer der russischen Armee eroberten.

Auch wenn es in den letzten Jahren zu Überfällen durch Rechtsradikale gekommen ist und die Strafverfolgungsbehörden nicht immer angemessen reagiert haben, unterstützt die übergroße Mehrheit der Roma die Regierung und die Streitkräfte der Ukraine in ihrem Kampf gegen den Aggressor.

Leider kam es inzwischen in Transkarpathien oder Lviv zu gewalttätigen Übergriffen auf Roma. Organisationen der Roma in der Ukraine haben die verantwortlichen Behörden aufgefordert, diese Gewalttaten zu untersuchen und Strafverfolgung einzuleiten. Auch wenn deren Hintergründe noch genauer recherchiert werden müssen, dürfen solche Gewalttaten auch in Kriegszeiten nicht ungestraft bleiben und müssen auch von den politisch Verantwortlichen verurteilt werden.

Allerdings darf die Aufklärung solcher Gewalttaten nicht zur Propaganda für den Aggressionskrieg Russlands missbraucht werden. Die Organisationen der Roma in der Ukraine brauchen hierbei aber auch die Unterstützung von Regierungen und zwischenstaatlichen Organisationen, damit diese auch auf die Verantwortlichen in der Ukraine einwirken, dass sie solche Gewalttaten verurteilen, um einen Mißbrauch durch Propaganda zu vermeiden.

Für viele Roma, die in der Ukraine verblieben sind, wird der Zugang zu Lebensmitteln und anderen notwendigen Artikeln immer schwieriger. Die Verpflegung mit Lebensmitteln und das Verschicken von humanitärer Hilfe in die umkämpften Gebiete wird durch die russischen Angriffe erschwert; zudem ist davon auszugehen, dass die Preise für viele Produkte weiter steigen und damit gerade für ärmere Menschen es immer schwieriger wird, die Versorgung sicher zu stellen. Auch für die Intern Vertriebenen wird die Situation besonders schwierig, da sie auf ihrer Flucht nichts mit sich nehmen konnten. Ein weiteres Problem ist die Flucht aus der Ukraine zu organisieren, da es an Transportmitteln fehlt.

Im Allgemeinen wird berichtet, dass Roma in der Ukraine Zugang zu humanitären Hilfsleistungen haben und es hierbei in der Regel nicht zu Diskriminierungen kommt. Die von Roma geleitete NGO „Cirikli“ verteilt humanitäre Hilfe an Roma und Nicht- Roma, z.B. in Charkiv oder Odessa.

Im Verlaufe des Krieges kann nicht ausgeschlossen werden, v.a. wenn die Versorgung noch schwieriger wird, dass es zu Diskriminierungen kommen kann und auch zu vermehrten gewalttätigen Übergriffen auf Roma.

Über die Situation der Roma in den von russischen Einheiten besetzten Gebieten der Ukraine liegen keinerlei Informationen vor.

Antiziganismus existiert wie in allen anderen Ländern, auch in der Ukraine (siehe unten). Eine Ausdrucksform des Antiziganismus ist, dass das Fehlverhalten einer kleinen Gruppe von Roma oder von wenigen Einzelpersonen dazu führt, dass alle Roma dafür verantwortlich gemacht werden. Diese Gefahr besteht auch in der Ukraine.

Erfahrungen aus anderen Kriegen, z.B. aus dem Kosovokrieg zeigen, dass dies nicht nur eine Gefährdung während des Krieges, sondern auch nach dem Krieg darstellt.

So hat im Kosovo, die ausgesprochene Unterstützung einiger weniger Vertreter der Roma für das Milosevic Regime und die Teilnahme einiger weniger Roma an Kriegsverbrechen oder Plünderungen, nach dem Krieg als Vorwand dafür gedient bzw. hat nach dem Krieg als Begründung ausgereicht, dass über 100.000 Roma vertrieben worden sind bzw. das Land verlassen mussten und viele Roma ermordet worden sind. Diese Gefahr ist auch für die Ukraine nicht auszuschließen und daher ist es umso wichtiger, zu versuchen, den gesellschaftlichen Narrativ in der Ukraine so zu beeinflussen, dass auch positive Erzählungen über Roma aufgenommen werden, wie dass Tausende Roma in der Ukrainischen Armee oder in der Territorialen Selbstverteidigung kämpfen oder dass Organisationen der Roma humanitäre Hilfe verteilen – an alle Menschen, die Bedarf haben und nicht nur an Roma.

Situation der Flüchtlinge

Die genaue Anzahl der geflüchteten Roma ist nicht bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass inzwischen einige zehntausend Roma geflüchtet sind.

Da Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren die Ausreise aus der Ukraine nicht mehr erlaubt ist, fliehen auch unter Angehörigen der Roma vor allem Frauen und Kinder, deren besondere Schutzanforderungen gewährleistet werden müssen.

Ein beträchtlicher Teil der Roma (NGOs sprechen von 10%-20% der ca. 400.000 Roma) hat keine Ausweispapiere oder gar Reisepässe oder nur „alte“ sowjetische oder gar russische Pässe und haben daher Schwierigkeiten bei der Ausreise aus der Ukraine bzw. bei der Einreise in die Nachbarländer, die der EU angehören.

Nach Information  des European Roma Right Center (ERRC) haben ukrainische Grenzbehörden Roma am Verlassen des Landes gehindert, da sie nicht über Dokumente verfügten. Dies sollte inzwischen aber nicht mehr der Fall sein.

 

Situation in Deutschland

In Deutschland ist die Situation der Roma aus der Ukraine, die keine Ausweispapiere besitzen, nicht geklärt. Die vorliegenden Informationen des Innenministeriums, der Integrationsbeauftragten oder des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge  gehen zwar auf verschiedenste Szenarien und Personengruppen ein, aber nicht darauf, welchen Status Menschen aus der Ukraine, die nie Papiere besessen haben, in Deutschland erhalten können.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hat sowohl das Innenministerium als auch die Integrationsbeauftragte kontaktiert, aber bis jetzt keine Antwort dazu erhalten, wie die deutschen Behörden in solchen Fällen reagieren werden und ob auch Personen aus der Ukraine, die nie Papiere besessen haben, unter die vorläufige Schutzgewährung fallen.

Auch in Deutschland engagieren sich v.a. zivilgesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen in der Unterstützung der Geflüchteten. Auch aus Deutschland gibt es auch Berichte, dass ukrainische Roma getrennt von anderen geflüchteten Ukrainer*innen untergebracht worden sind, dass es zu Diskriminierungen gekommen ist und auch zu Konflikten zwischen beiden Gruppen in gemeinsamen Unterkünften.  

Situation in Nachbarländern der Ukraine

Es gibt Berichte, dass Grenzbehörden der Nachbarländer Roma die Einreise verweigert haben, da sie keine Dokumente vorlegen konnten. Es ist allerdings schwer festzustellen, inwieweit dies ein systematisches Vorgehen darstellt bzw. inwieweit dies auf individuelle Entscheidungen zurückzuführen ist. Die Behörden der Slowakei haben z.B. damit reagiert, dass sie an der Grenze darüber informieren, dass Personen ohne Dokumente ebenfalls von der Vorläufigen Schutzgewährung profitieren können („You will be granted temporary protection, even if you do not have any documents. In this case your application should be processed within 30 days. Accommodation, food, health care and hygienic packages will be provided straight away free of charge”).

Anfang März 2022, hat die Europäische Union die Direktive zur Vorläufigen Schutzgewährung (Temporary Protection Directive) aktiviert, die vorerst für ein Jahr gilt und u.a. Ansprüche auf Unterkunft und Zugang zum Arbeitsmarkt festlegt. Die Vorläufige Schutzgewährung sollte im Prinzip auch für Personen gelten, die aus der Ukraine stammen, aber nie über Dokumente verfügt haben. Zumindest schließt die Direktive diese Personen nicht explizit aus, bezieht sich aber auch nicht explizit auf sie.

Aus den „EU-Aufnahmeländern“ wie Polen, der Slowakei, der Tschechischen Republik, Rumänien oder Ungarn gibt es Berichte, dass Roma nicht die Hilfe zukommt, wie anderen Flüchtlingen aus der Ukraine. Da die Hilfe bis jetzt v.a. von Freiwilligen und nicht vom Staat organisiert wird, kann (noch) nicht von staatlicher Diskriminierung gesprochen werden. So wurde berichtet, dass Roma nicht in Busse bzw. Züge durften, dass ihnen keine Unterkünfte zur Verfügung gestellt wurden, dass sie weniger Essen erhielten als andere Flüchtlinge oder dass sie in abgelegene, segregierte Unterkünfte ohne Unterstützung gebracht worden sind. In der Tschechischen Republik wurde auch über Gewalt an geflüchteten Roma berichtet.

Zumindest die slowakischen Verantwortlichen haben reagiert und Roma werden jetzt die Situation zumindest an den Grenzübergängen beobachten.

In Moldau, das nicht  Mitglied der EU ist, sind einige hundert Roma, vor allem Frauen und Kinder von Angehörigen anderer Ethnien segregiert in einem Aufnahmelager untergebracht worden. Auch die humanitäre Versorgung in diesen Aufnahmelagern ist nicht immer im vollem Umfang sichergestellt. Die meisten warten darauf, dass sie weiter in ein EU Land reisen können. Allerdings haben auch viele dieser Roma keine Dokumente, was die Weitereise erschwert.

Aus allen Ländern wird zudem darüber berichtet, dass viele der Roma in andere Länder weiterreisen wollen.

Diese Beispiele zeigen die gegenwärtigen Probleme der geflüchteten Roma auf: Ihnen wird im Vergleich zu anderen Flüchtlingen die Aus- bzw. Einreise erschwert, die freiwillige Hilfe von Privatpersonen bezieht Roma oft nicht mit ein, kaum jemand möchte Roma privat bei sich aufnehmen. Und die Öffentlichkeit interessiert sich kaum für die Situation der Roma in der Ukraine und unter den Flüchtlingen.

Es sollte bereits jetzt an die Zeit nach einem möglichen Kriegsende gedacht werden. Eine weitere Erfahrung aus den Kriegen in Bosnien und Herzegowina und Kosovo ist, dass Roma, die vorübergehend Schutz in Deutschland oder in einem anderen EU Mitgliedsstaat gefunden hatten, nach Kriegsende zwangsweise abgeschoben wurden, obwohl sie in ihren Herkunftsländern nicht willkommen waren und weder Unterkunft noch Zugang zum Arbeitsmarkt hatten und haben.

Auch die Roma aus der Ukraine werden nach Kriegsende damit rechnen müssen, mit Zwang aus Deutschland oder einem anderen EU Mitgliedsstaat abgeschoben zu werden, egal ob sie in ihrem Herkunftsort Unterkunft oder Arbeit finden werden.

Aktivitäten der Zivilgesellschaft der Roma

Es sind v.a. zivilgesellschaftliche Organisationen der Roma, die  geflüchteten Roma in Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn, Rumänien oder Moldau helfen. Sie vermitteln Transport von den Grenzen in Unterkünfte, oft haben sie letztere erst selbst organisieren müssen, sie organisieren Verpflegung oder Arztbesuche und helfen bei den Behördengängen. Zudem wird verstärkt ein Monitoring durchgeführt, dass eventuelle Diskriminierungen verhindern soll.

Wir arbeiten daran, deutsche Hilfsorganisationen zu sensibilisieren, dass die Geflüchteten mehr Unterstützung benötigen. Informationen wie diesen Organisationen unterstützt werden können, können wir auf Anfrage bereitstellen, siehe aber auch die Spendenaufrufe am Anfang der Seite.

 

Forderungen

Deutschland muss, auch aus seiner historischen Verantwortung gegenüber den ukrainischen Roma heraus, Roma, die in der Ukraine verblieben sind wie auch diejenigen, die aus der Ukraine flüchten mussten, in jeder nur erdenklichen Weise unterstützen.

In der Ukraine leben viele Nachkommen von Holocaust Überlebenden und einige wenige Überlebende des Völkermordes an Sinti und Roma. Gerade diesen Familien gegenüber sollte es eine Verpflichtung für Deutschland sein, diese Familien zu unterstützen und wenn sie es wollen, sie in Deutschland aufzunehmen.

Deutschland sollte deutlich feststellen, dass auch Roma aus der Ukraine, die nie Papier besessen haben, unter die Regelung der Vorläufigen Schutzgewährung fallen. 

Darüber hinaus muss Deutschland sicherstellen, dass humanitäre Hilfe, für die Ukraine oder für Geflüchtete in den Nachbarländern zugänglich für Roma ist und dass diese Zugang zu Unterkünften und zu humanitärer Hilfe haben.

Gerade die vielen Frauen, die alleine mit ihren Kindern flüchten mussten, brauchen Unterstützung und Deutschland sollte sich dazu verpflichten, sie aufzunehmen.

Deutschland muss sich zudem dabei engagieren, die Situation der flüchtenden Roma an den Grenzübergängen wie in Flüchtlingsunterkünften zu überwachen. Ein regelmäßiges Monitoring ist notwendig, um belastbare Informationen zu erhalten, wo es Benachteiligungen gibt und welche Bedarfe die geflüchteten Roma haben. 

Dazu sollten Roma Organisationen darin unterstützt werden, diese Arbeit zu leisten und Roma bei den notwendigen administrativen Maßnahmen zu unterstützen, damit sie Zugang zu jeglicher verfügbarer Hilfe haben.

 

 

 

Allgemeine Hintergrundinformationen

Roma leben seit dem 15. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Die genaue Zahl der Roma in der Ukraine ist nicht bekannt. Der Volkszählung von 2001 zufolge, haben 47.600 Personen sich als Roma bezeichnet. Nach Schätzungen sollen aber bis zu 400.000 Roma in der Ukraine leben.

Die größte Gruppe lebt wohl in der Region Transkarpathien mit laut Volkszählung ca. 14.000 Personen. Aber in nahezu allen Landesteilen gibt es Roma mit größeren Gruppen in Odessa, Poltava, Cherkassy, Donetzk, Dnjepropetrowsk, Charkiw oder Chernovtsy.

Wie in den meisten Ländern sind die Roma in der Ukraine keine homogene Gruppe. Vielmehr gibt es beträchtliche Unterschiede was Sprache, Geschichte, Kultur, Tradition, Religion, Beruf der Vorfahren oder Zeit der Ansiedlung anbelangt. Dabei spielt die geschichtliche Zugehörigkeit der jeweiligen Gebiete, in denen sie leben, eine wichtige Rolle bis heute.

Die Situation der Roma der Region Transkarpathien kann als Beispiel dafür dienen. Die Region gehörte einst zu Ungarn und noch heute lebt eine größere ungarische Minderheit in der Region. Die Geschichte dieser Region bestimmt noch heute Sprache, Kultur und Leben der Roma. Viele sprechen kein Romani mehr, sondern sprechen als erste Sprache Ungarisch und ihre Kultur und Traditionen sind stark durch diese Geschichte geprägt. Gründe dafür reichen weit in die Geschichte Österreich-Ungarns zurück, als Roma zwangsangesiedelt und „zwangsmagyarisiert“ wurden, was soweit führte, dass Eltern ihre Kinder weggenommen wurden und diese zu ungarischen Bauern gebracht wurden.

Viele Roma zählen sich trotzdem auch als den Ungarn zugehörig und haben sich in der Volkszählung als Ungarn deklariert. Kinder besuchen ungarisch-sprachige Schulen und die Umgangssprache ist oft Ungarisch.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen starken Antiziganismus gegenüber Roma von Seiten der Ungarn (und Ukrainer) in dieser Region.  Auch haben viele der Roma, die in dieser Region leben, ungarische Pässe.

Antiziganismus in der Ukraine

Gewalt gegen Roma

Roma in der Ukraine stehen vor den selben Problemen wie alle Roma in Europa. Ein weit verbreiteter Antiziganismus, der in den letzten Jahren auch zu mehreren Gewalttaten gegenüber Roma geführt hat, in deren Verfolgung auch die Strafbehörden nicht immer mit gebotener Konsequenz handelten. Vor allem waren es Rechtsextreme oder gewaltbereite Gruppen, die ganze Familien oder gar Siedlungen angegriffen haben.

Vor allem im Westen der Ukraine kam es zu mehreren rassistischen Überfällen auf Roma, insbesondere in den Jahren 2018 und 2019 gab es mehrere Überfälle durch Rechtsradikale auf Roma.

Am 23. Juni 2018 stürmte eine Gruppe von Männern, die mit Messern bewaffnet waren, ein Zeltlager von Roma. Sie forderten die Roma auf, das Lager zu verlassen und zerstörten die Zelte und das Eigentum der Roma. Sie griffen auch die Menschen an und ermordeten David Popp, einen 24 Jahre alten Mann und verwundeten vier weitere Personen, darunter einen zehnjährigen Jungen.

In diesem Fall hat nach Angaben des ERRC die Polizei aber angemessen reagiert und acht Personen wurden festgenommen

 

Gesellschaftlicher Ausschluss

Darüber hinaus haben der jahrhundertelange Antiziganismus zu Diskriminierung und gesellschaftlichen Ausschluss geführt. Ein großer Teil der Roma ist arbeitslos, viele sind ohne Berufsausbildung, die Lebensumstände vieler sind sehr schlecht und Diskriminierung im Schulwesen oder Gesundheitswesen sind alltäglich.

Viele Roma leben in Stadtteilen oder Vierteln unter sich und nicht gemeinsam mit anderen Gruppen. Oft sind es Substandard Häuser oder sie sind nicht legalisiert, d.h. die Bewohner haben keinen Eigentumstitel und können jederzeit zwangsevakuiert werden.  

Viele Roma Kinder besuchen keine Schule, in vielen Fällen, da ihre Eltern keine Dokumente für sie haben oder sie wurden in Sonderschulen bzw. Sonderklassen für Kinder mit Behinderungen oder in segregierte Klassen nur für Roma geschickt, in denen in der Regel weniger Lehrstoff vermittelt wird.

Ein großes Problem ist auch, dass noch immer noch viele Roma nicht über alle notwendigen Dokumente verfügen (von Geburtsurkunde bis zum Reisepass). Letzteres bereitet nun vielen Menschen Probleme, da sie ohne Dokumente Schwierigkeiten haben können, die Ukraine zu verlassen bzw. in ein anderes Land einzureisen.

Auf der anderen Seite gibt es viele erfolgreiche Roma mit guter Ausbildung und guten Berufen, die ihre Identität auch nicht verstecken. Es gibt gewählte Stadtverordnete der Roma, Anwälte, Musiker, Handwerker etc.

 

Webseite „Support Roma in Ukraine“ zur Sammlung aller Informationen

Das internationale Roma Jugendnetzwerk ternYpe hat eine Webseite erstellt, auf der alle wichtigen Informationen zur Situation der Roma in der Ukraine gesammelt werden. Sie finden  dort u.a. Informationen darüber, wie Sie spenden können, welche solidarischen Initiativen es gibt und wie sich die Situation besonders derjenigen Menschen darstellt, die ohne Papiere sind, wovon in der Ukraine besonders Roma betroffen sind. Die Website (Padlet) ist eine Pinnwand, auf der jede/r neue Informationen veröffentlichen kann:

https://padlet.com/ternype/support_roma_ukraine

Notfallfonds für Roma in der Ukraine

Ukrainische Roma-Organisationen haben sich mit anderen europäischen Roma-Netzwerken zusammengeschlossen, um einen „Notfallfonds für Roma in der Ukraine“ einzurichten. Ziel dieses Fonds ist es, den Roma den gleichen Zugang zu humanitärer Hilfe zu ermöglichen wie dem Rest der Bevölkerung, insbesondere durch die Bereitstellung von finanzieller Soforthilfe für Evakuierung, Notunterkünfte und grundlegende humanitäre Hilfe.

Bislang beteiligte Partner: Chiricli, ARCA, ERGO, ERRC, ERIAC, ternYpe, Phiren Amenca, Zentralrat/Dokuzentrum. ARCA und Chiricli sind bereits dabei, die Hilfe so weit wie möglich in der Ukraine zu verteilen. Wenn Sie von Menschen in Not wissen, wenden Sie sich bitte an ARCA und Chiricli:

ARCA: Vova Yakovenko:  yngo.arca@gmail.com

https://www.facebook.com/YNGO.ARCA

Chiricli: Ana Rozanova (ERGO Network): a.rozanova@ergonetwork.org 

Fundraising-Kampagnen:

Ziel dieser Kampagne ist es, Mittel zu sammeln, um sicherzustellen, dass Roma-Kinder und -Jugendliche den gleichen Zugang zu humanitärer Hilfe erhalten wie die übrige Bevölkerung.

Weitere Möglichkeiten zu spenden:

ERGO: 
https://chuffed.org/project/ukraine-help-roma-access-humanitarian-aid

ERGO und ternype/Phiren Amenca und das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma  haben bereits jeweils 10.000 € für den „Notfallfonds“ (siehe oben) gesammelt. Das scheint viel zu sein, aber es ist wahrscheinlich nur sehr wenig Geld, um Hunderte oder Tausende von Menschen in den kommenden Wochen und Monaten zu unterstützen. Bitte unterstützen Sie die Kampagnen und machen Sie so viel Werbung wie möglich.

Das European Roma Grassroots Organisations Network (ERGO) hat eine gemeinsame politische Erklärung verfasst, die Sie hier online finden können: 
https://ergonetwork.org/2022/03/joint-statement-end-the-war-against-ukraine/

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