Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert Vorwurf des Antiziganismus gegen den Film „Nellys Abenteuer“

SWR zeigt sich uneinsichtig gegen berechtigte Kritik

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert seine Kritik gegen den Kinderfilm „Nellys Abenteuer“, den der SWR jetzt vorgezogen ausstrahlen will.  Der Zentralrat hatte am 14. September 2017 ein Fachgespräch in Berlin veranstaltet, an dem Vertreter der Filmindustrie, der Filmförderung sowie Wissenschaftler und Journalisten teilgenommen hatten.  Vertreter des SWR sowie die Autoren und Beteiligten der Filmproduktion waren der Einladung nicht gefolgt.

Auf der Grundlage des vom Zentralrat in Auftrag gegebenen Gutachtens von Pavel Brunßen, Technische Universität Berlin, teilten die Teilnehmer der Gesprächsrunde im Wesentlichen die Vorwürfe des Zentralrates.  Der Film gebe Anlaß, sowohl in den Gremien der staatlichen Filmförderung als auch beiden Filmschaffenden selbst über die Ethik des Filmemachens über Sinti und Roma nachzudenken.  Daß die Reproduktion von antiziganistischen Stereotypen, wie sie in Nellys Abenteuer erfolgt, auch noch mit nahezu einer Million Euro Steuergelder finanziert wurde und jetzt auch noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wiederum finanziert aus öffentlichen Geldern, gesendet werden soll, sei kaum nachvollziehbar, resümierte Romani Rose für den Zentralrat. 

Während dieses Fachgesprächs wurde von den Teilnehmern bis in die Details der Kameraführung hinein aufgezeigt, wie die antiziganistischen Bilder umgesetzt wurden : z.B. Dokumentarische Kamera / Handkamera wenn Roma gezeigt werden versus Spielfilmkamera / Stativkamera wenn Nelly oder ihre Familie auftreten.  Gerade die Behauptung der Filmemacher, es sei doch ein Spielfilm, der künstlerische Freiheit reklamieren könne, wird durch den gleichzeitigen Anspruch auf dokumentarische Authentizität konterkariert.  Während die Figur der Nelly durchaus eine Entwicklung durchläuft, bleiben die Roma-Figuren statisch, auch am Ende des Films bleiben sie als Kriminelle stehen.

Nellys Abenteuer stigmatisiert Roma als Kriminelle und Diebe.  Im „Pädagogischen Begleitmaterial“ für Schulen werden beide wichtigsten Roma-Figuren, Roxana und Tibi, jeweils als kriminell vorgestellt : „Roxana ist 15 Jahre alt … Sie verdient ihr Geld mit ihrem Bruder durch Taschendiebstahl. … In einem Jahr soll sie verheiratet werden – mit dem Sohn von Hokus.“  Und : „Tibi ist 14 Jahre alt und Roxanas jüngerer Bruder.  Mit seiner Schwester verdient er Geld durch Taschendiebstahl.“  Nelly, die 13jährige Heldin des Films, wird im Auftrag eines „bösen deutschen Unternehmers“ von kriminellen Roma entführt, die nebenbei als Schutzgeld-Erpresser auftreten.  Offenbar sind Filmemacher wie auch der SWR der Auffassung, daß wenn die kriminellen Roma zum Schluß auch noch dem „bösen Deutschen“ die Räder vom Porsche stehlen, sie dadurch hinreichend rehabilitiert seien.  Darüber hinaus werden Roma als vormoderne Gruppe gezeigt, die in einem „authentischen Roma-Dorf“ unter unhygienischen Bedingungen leben.  Wiederum wird hier die schwierige Lebenssituation vieler Roma als vorgeblicher Teil einer traditionellen Lebensweise und ihrer Abstammung vorgestellt.

„Der Vorwurf des Zentralrates, daß dieser Film Antiziganismus reproduziert, ist wohlbegründet.  Antiziganismus muß in gleicher Weise politisch und gesellschaftlich geächtet werden wie der Antisemitismus.  Der SWR macht es sich zu einfach, die Vorwürfe einfach zurückzuweisen und den Film – der seit geraumer Zeit im Handel ist – jetzt im öffentlich rechtlichen Fernsehen zu zeigen.  Gerade die öffentlich-rechtlichen Medien haben eine hier besondere Verantwortung.  Dieser Verantwortung wird der SWR nicht gerecht, wenn er sich über das Diskriminierungsverbot, das insbesondere auch für die Medien gilt, bedenkenlos hinwegsetzt“, erklärte Romani Rose.  „Dies ist um so schwerwiegender, als sich der Film an Kinder und Jugendliche richtet, denen damit die jahrhundertealten Stereotype erneut vermittelt werden,“ so Rose weiter.

Der Zentralrat hat sich deshalb nochmals an den Intendanten des SWR mit einer Programmbeschwerde gewandt, die ebenfalls dem Rundfunkrat vorliegen wird.  Ebenso erwartet der Zentralrat jetzt vom Kinderkanal der ARD und des ZDF, den Film nicht auch noch in diesem Programm auszustrahlen.  Die bisherigen Gespräche mit den Vertretern des SWR waren nie ergebnisoffen, da der SWR unabhängig von jedweder Kritik von Beginn an auf der Ausstrahlung des Films bestand.

Die Stellungnahmen des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und das ausführliche Gutachten von Pavel Brunßen sowie der Kommentar von Professor Urs Heftrich, Universität Heidelberg, finden sich auf der Website des Zentralrats unter http://zentralrat.sintiundroma.de/zentralrat-deutscher-sinti-und-roma-appelliert-an-kika-und-swr-antiziganistischen-kinderfilm-nicht-senden/

Herbert Heuß

Wissenschaftlicher Leiter

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