Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma

Bild 2_Hungerstreik

 

Während die neu gegründete Bundesrepublik die jüdischen Opfer als Voraussetzung für die Wiederaufnahme in die internationale Staatengemeinschaft schon bald anerkannte und ihnen eine zumindest materielle „Wiedergutmachung“ für das erlittene Unrecht gewährte, wurde der Völkermord an der Minderheit der Sinti und Roma jahrzehntelang geleugnet. Man betrog die Überlebenden um ihre moralische Anerkennung als Opfer der nationalsozialistischen „Rassenpolitik“ und um ihre Ansprüche auf Entschädigung. Selbst das von den Nazis geraubte Vermögen wurde in den meisten Fällen nicht zurückerstattet. Gesundheits- und Ausbildungsschäden erkannten die zuständigen Behörden oder die medizinischen Gutachter nicht als verfolgungsbedingt an. Dabei vertraten sie unverhohlen rassistische Auffassungen, die in der Kontinuität nationalsozialistischer Rassenideologie standen.

Viele der Täter, die für den Völkermord an den Sinti und Roma mitverantwortlich waren, konnten bei Behörden oder in der Privatwirtschaft ungehindert Karriere machen. Die Deportationen in die Vernichtungslager wurden als vorgeblich „kriminalpräventiv“ gerechtfertigt, dieses Denken fand sogar Eingang in die Urteile höchster deutscher Gerichte. Auch in der Wissenschaft und an den ehemaligen Orten der Verfolgung, den Mahn- und Gedenkstätten, blieb der Völkermord an den Sinti und Roma ein Randthema, das allenfalls eine Fußnote wert war.

Dies begann sich erst allmählich zu ändern mit der politischen Selbstorganisation der Betroffenen und der Gründung einer Bürgerrechtsbewegung, die seit Ende der Siebzigerjahre durch öffentliche Veranstaltungen auf ihr Anliegen aufmerksam machte. Die erste internationale Gedenkkundgebung fand am 27. Oktober 1979 im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen zur Erinnerung an den Völkermord an 500.000 Roma und Sinti in Europa statt. Auf dieser Kundgebung sprach die erste Präsidentin des Europaparlaments, Frau Simone Veil, die als jüdisches Mädchen selbst dieses KZ überlebt hatte und deren Mutter dort ermordet wurde.

Insbesondere der Hungerstreik in der KZ-Gedenkstätte Dachau Ostern 1980, der sich u. a. gegen die Methoden rassistischer Sondererfassung unserer Minderheit bei Justiz- und Polizeibehörden – auf der Grundlage der Akten der NS-Zeit und zum Teil sogar mit dem ehemaligen SS-Personal – richtete, fand in der Berichterstattung weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

Zu den Forderungen der Hungerstreikenden gehörten insbesondere die offizielle Anerkennung des Völkermordes an der Minderheit und die Einleitung von Verfahren, um die noch lebenden Täter für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Verlangt wurde auch die Überführung der früheren NS-Akten in das Bundesarchiv. Die Akten waren noch im Besitz der „Rasseforscher“, wie der Professoren Erhard und Arnold in Landau und Tübingen, die zu diesem Zeitpunkt noch in Amt und Würden waren. Die Teilnehmer der Protestaktion wollten, dass der Missbrauch dieser Dokumente des Völkermordes beendet wird, und eine Wiederaufnahme der Entschädigungsverfahren für die KZ-Überlebenden erfolgt.

Im Februar 1982 erfolgte die Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg. Der Zentralrat, dem der 16 Mitgliedsvereine (Landesverbände und regionale Vereine) angehören, vertritt seither auf nationaler wie internationaler Ebene die Interessen der in Deutschland lebenden Sinti und Roma.

Eine entscheidende Zäsur in der Bürgerrechtsarbeit war der 17. März 1982, als der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des Zentralrats empfing und in völkerrechtlich bedeutsamer Weise die NS-Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord aus Gründen der so genannten „Rasse“ anerkannte. Dies wurde durch den Nachfolger in diesem Amt, Bundeskanzler Helmut Kohl, im Rahmen einer Bundestagsdebatte im November 1985 noch einmal bestätigt.

Nach über 20 Jahren beharrlicher Bürgerrechtsarbeit durch den Zentralrat und die Landesverbände hat in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein spürbarer Wandel im Umgang mit der Minderheit der deutschen Sinti und Roma eingesetzt. Dies gilt auch für die Frage der Wiedergutmachung: Seit Mitte der Achtzigerjahre konnte der Zentralrat für die überlebenden Opfer der NS-Verfolgung eine grundlegende Änderung der früheren diskriminierenden Entschädigungspraxis bewirken und in mehreren Tausend Einzelfällen Neuentscheidungen der zuständigen Behörden zugunsten der Betroffenen durchsetzen.

Interview mit Romani Rose zur Bürgerrechtsbewegung durchgeführt im Rahmen eines Projektes der Stiftung „Fundacja Dialog Pheniben“, kofinanziert von der Europäischen Union im Rahmen des Programms „Europa für Bürgerinnen und Bürger“.

Bildergalerie zur Geschichte

Zeitleiste einiger wichtiger Momente und Erfolge

1973 Erste Sinti Demonstration in Heidelberg
1979 Demonstration im ehemaligen KZ Bergen-Belsen
1980 Hungerstreik im ehemaligen KZ Dachau
1981 Sinti besetzen das Universitätsarchiv Tübingen wegen der NS-Akten
1982 Anerkennung des Völkermords durch Bundeskanzler Helmut Schmidt
1983 Demonstration vor dem Bundeskriminalamt gegen die fortgesetzte Sondererfassung
1997 Anerkennung von Sinti und Roma als nationale Minderheit in Deutschland
1997 Eröffnung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma
2012 Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas
2012 Aufnahme der deutschen Sinti und Roma in den Minderheitenschutzartikel der Landesverfassung Schleswig-Holsteins
2015 Europäisches Parlament: Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma und Anerkennung von Antiziganismus als spezifische Form des Rassismus
2016 Beschluss der Bundesregierung und der Länder zum Erhalt der Grabstätten NS-verfolgter Sinti und Roma

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